NEW YORK (dpa-AFX) - An der Wall Street trotzen die "Bullen" immer wieder allen Widrigkeiten. Bereits seit 2009 stoßen sie mit ihren Hörnern die Kurse am US-Aktienmarkt ein ums andere Mal nach oben. Die Tatzen der "Bären" haben in all den Jahren kaum eine Chance gehabt, den Lauf des US-Leitindex Dow Jones Industrial aufzuhalten. Selbst der historische Corona-Crash im Februar und März dieses Jahres war nach gut einem halben Jahr wieder Geschichte. Das wohl bekannteste Börsenbarometer der Welt hat damit nun nach rasanter Aufholjagd erstmals die Marke von 30 000 Punkten geknackt.

Geht die Rally jetzt weiter oder gelingt den Pessimisten - im Börsenjargon "Bären" genannt - endlich einmal ein Stich gegen die Optimisten, also die "Bullen"? Schließlich könnte der heiß gelaufene Markt auf kurze Sicht schon bald erkalten.

Jedenfalls erfreuen sich die Anleger erst einmal an dem nahezu schwindelerregenden Anstieg des Dow: Für den Weg von 20 000 auf 30 000 Punkte brauchte er nur knapp vier Jahre. Und es hat keine acht Jahre gedauert, bis sich der Index verdoppelt hat: Im Mai 2013 stand zum ersten Mal die 15 000 auf der Kurstafel der New Yorker Börse an der Wall Street. In deren unmittelbarer Nähe symbolisiert die vom Künstler Arturo Di Modica gestaltete Bronzestatue "Charging Bull" den US-Kapitalismus schlechthin.

Der aktuelle Bullenmarkt in den USA begann 2009. Seinerzeit hatten Anleger begonnen, die Folgen der globalen Finanzkrise zu verdauen, die fast überall auf der Welt das Wirtschaftswachstum deutlich ausgebremst oder Rezessionen ausgelöst hatte. Kräftig angeschoben wurden die Aktienkurse weltweit von dem billigen Geld der Notenbanken, das die Zinsen unter Druck setzte und festverzinsliche Wertpapiere wie Anleihen damit in der Gunst der Anleger sinken ließ. 2019 hatte die US-Notenbank den Leitzins dreimal hintereinander gesenkt, um einen Wirtschaftsabschwung zu vermeiden. In den USA befeuerten auch Steueranreize und Infrastruktur-Versprechen unter US-Präsident Donald Trump die Kurse.

Anfang 2020 aber sah es dann erst einmal so aus, als ob der langjährige Bullenmarkt ein jähes Ende finden sollte. Wegen der weltweiten Verbreitung des Corona-Virus, das die Lungenkrankheit Covid-19 auslösen kann, schickten viele Regierungen ihre Länder in den Lockdown. Der Dow sackte in der kurzen Zeit von Ende Februar bis Ende März um fast 10 800 Punkte ab. Damit hatten sich die in gut drei Jahren angehäuften Kursgewinne innerhalb weniger Wochen in Luft aufgelöst. Auch weltweit brachen die Börsen drastisch ein.

Doch Regierungen und Notenbanken machten schnell klar, dass sie mit gewaltigen Konjunktur- und Hilfspakten alles in ihrer Macht Stehende tun werden, um gegenzusteuern. So war das Arbeitslosengeld für Millionen US-Bürger erhöht worden und die US-Notenbank Fed hatte die Zinsen nach dem Übergreifen der Corona-Pandemie auf die USA im März in zwei großen Schritten auf die extrem niedrige Spanne von 0 bis 0,25 Prozent gesenkt. Zudem pumpt die Fed über milliardenschwere Anleihekaufprogramme zusätzliche Liquidität in die Finanzmärkte, um mit der Geldflut die Wirtschaft anzuschieben. Damit konnte sich der Dow in den letzten Monaten immer weiter nach oben arbeiten.

Aktuell richten sich die Hoffnungen der Anleger auf die Zulassung eines Impfstoffes gegen das Corona-Virus. Der US-Pharmakonzern Pfizer sowie sein Mainzer Partner Biontech , der Arzneimittelhersteller Moderna und der britisch-schwedische Branchenkollege Astrazeneca hatten zuletzt vielversprechende Testergebnisse vorgelegt und damit die Märkte angetrieben. Weitere Impulse könnten von einem zusätzlichen Konjunkturpaket ausgehen, auf das sich allerdings der Kongress und das Weiße Haus auch nach der Wahl des Demokraten Joe Biden zum neuen US-Präsident noch nicht geeinigt haben.

Neben den Erfolgsmeldungen zum Impfstoff hatte der Ausgang der Präsidentschaftswahl am Markt für Erleichterung gesorgt und die zuvor deutlich spürbare Unsicherheit verschwinden lassen. Anleger stellten rasch klar, dass die Märkte mit Biden wohl gut leben könnten, erst recht, wenn der Senat womöglich weiter von Republikanern dominiert werde, was derzeit noch nicht klar ist. Dann nämlich ließen sich Bidens geplante Steuererhöhungen weniger leicht durchsetzen, doch dürften wiederum unter Biden die Handelskonflikte vor allem mit China etwas entschärft werden - zwei Aspekte, die dem Aktienmarkt geholfen haben.

Einige Experten aber sehen beim US-Leitindex auf kurze Sicht nun erst einmal das Ende der Fahnenstange erreicht. "Wäre der Dow nicht überhitzt, also am oberen Rand seines Schwankungskorridors angekommen, wäre er aus der Vogelperspektive betrachtet ein technischer Vorzeigemarkt", schrieb Charttechnik-Experte Andreas Büchler von Index-Radar. Ein neues Hoch im bereits seit April/Mai bestehenden Aufwärtstrend und Korrekturen, die zuletzt immer schon am langfristigen Durchschnittspreis wieder stoppten, repräsentierten eigentlich Idealbedingungen. So aber fänden zum jetzigen Zeitpunkt nur noch solche Anleger ein attraktives Chance-Risiko-Verhältnis vor, die einen noch lange anhaltenden Aufwärtstrend erwarteten.

Aus fundamentaler Sicht zumindest spricht im aktuellen Umfeld viel für weiter steigende Kurse. "Langfristig haben Veränderungen in der Präsidentschaft kaum zu materiellen, fundamentalen Veränderungen in der Funktionsweise der US-Wirtschaft geführt - insbesondere dann, wenn der Kongress geteilt war", schrieb Colin Moore, der globale Anlagechef beim Vermögensverwalter Columbia Threadneedle. So will Biden zwar im Gegensatz zu seinem Vorgänger Trump Steuern erhöhen. Doch an den Grundfesten des kapitalistischen Systems wird auch er nicht rütteln.

Der Dow ist der wohl meist beachtete Börsenindex weltweit. Der Leitindex der USA blickt auf eine lange Historie zurück: Charles Henry Dow, der Gründer des "Wall Street Journal", und Edward Jones schufen ihn im Jahr 1896, um die Kurstendenz an der Wall Street besser messbar zu machen. Zunächst standen nur zwölf Unternehmen auf dem Kurszettel, und in der Frühzeit des Index wurden vor allem Aktien von Eisenbahnfirmen gehandelt.

Zu den Aktien der ersten Stunde gehörte General Electric . Wegen der anhaltenden Talfahrt der amerikanischen Industrie-Ikone aber flogen die Papiere 2018 aus dem Index - es war bereits der dritte Abstieg aus der ersten Börsenliga in der Unternehmensgeschichte. Änderungen wie diese beruhen nicht auf objektiven Gesichtspunkten, sondern werden lediglich bei Bedarf vorgenommen. Nur so ist zu erklären, dass die Papiere des Computerriesen Apple erst nach einer Herabsetzung ihres Nennwertes in den Index aufgenommen wurden - ansonsten hätte die einfache Berechnungsmethode des Dow das Börsenbarometer extrem verzerrt.

Ende August dieses Jahres dann wirbelten der steile Aufstieg vieler Techwerte in der Corona-Pandemie und die schwindende Bedeutung fossiler Energien den Dow erneut durcheinander. Das derzeit am längsten im Dow vertretene Unternehmen, der Ölriese ExxonMobil , musste seinen Platz räumen. Die Lücke schloss der Softwareexperte und SAP -Rivale Salesforce .

Der Dow wird durch die Durchschnittsbildung der Kurse der gelisteten, aktuell 30 Aktien ermittelt. Doch trotz oder vielleicht gerade wegen dieser kinderleichten Formel konnte sich der Index jahrzehntelang erfolgreich behaupten./la/ajx/bek/gl/he